Junge Erwachsene und psychische Gesundheit

Gen Z unter Druck: Warum sich der Start ins Erwachsenenleben so belastend anfühlen kann

Wie Übergänge, Leistungsanforderungen, soziale Vergleiche und Zukunftsunsicherheit zusammenwirken und was jungen Erwachsenen helfen kann, ohne eine ganze Generation zu pathologisieren.

Von Petra PinderPraxis für Psychotherapie in Bad SchwalbachLesezeit: ca. 16 Minuten

Jung zu sein bedeutet nicht automatisch, unbeschwert zu sein. Ausbildung oder Studium, der Einstieg ins Berufsleben, finanzielle Unsicherheit, Beziehungen, Ablösung vom Elternhaus und die Frage nach der eigenen Identität können gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen. Viele junge Erwachsene erleben dabei einen Widerspruch: Nach außen stehen ihnen scheinbar unzählige Möglichkeiten offen, innerlich fühlen sie sich jedoch orientierungslos, erschöpft oder nicht gut genug.

Der Begriff „Gen Z“ wird häufig für Menschen verwendet, die ungefähr zwischen Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2010er Jahre geboren wurden. Solche Generationsbegriffe können gesellschaftliche Erfahrungen beschreiben, sagen aber wenig über den einzelnen Menschen aus. Nicht jede Belastung ist eine psychische Störung, und nicht jedes Problem lässt sich mit dem Geburtsjahr erklären.

Entwicklungsphase

Warum Übergänge besonders fordern können

Das junge Erwachsenenalter ist eine Phase vieler Entscheidungen, während wichtige Lebensbereiche noch nicht stabil sind. Wohnort, Ausbildung, Beruf, Freundschaften, Partnerschaft und finanzielle Sicherheit können sich innerhalb kurzer Zeit verändern. Gleichzeitig wächst die Erwartung, selbstständig zu funktionieren und eine klare Richtung zu kennen.

Übergänge binden psychische Energie. Sie verlangen Anpassung, den Abschied von Vertrautem und den Umgang mit Unsicherheit. Das kann auch dann anstrengend sein, wenn die Veränderung grundsätzlich gewünscht ist. Schwierigkeiten sind deshalb nicht automatisch ein Zeichen von Schwäche. Entscheidend ist, ob Erholung gelingt, der Alltag bewältigt werden kann und ausreichend Unterstützung vorhanden ist.

Eine wichtige Einordnung: Das Robert Koch-Institut berichtete für 2024, dass 37,7 Prozent der 18- bis 29-Jährigen ein niedriges psychisches Wohlbefinden aufwiesen. Diese Zahl beschreibt keine Diagnose und erklärt nicht die Ursachen. Sie zeigt jedoch, dass Belastungen in dieser Altersgruppe ernst genommen werden sollten.

Innere und äußere Anforderungen

Leistungsdruck, Vergleiche und Selbstzweifel

Viele Möglichkeiten, hoher Entscheidungsdruck

Wer aus zahlreichen Ausbildungswegen, Arbeitsmodellen und Lebensentwürfen wählen kann, erlebt Freiheit. Gleichzeitig kann die Angst wachsen, sich falsch zu entscheiden oder eine bessere Möglichkeit zu verpassen.

Unsichtbare Maßstäbe

Vergleiche mit Gleichaltrigen vermitteln leicht den Eindruck, alle anderen seien weiter, erfolgreicher oder sicherer. Dabei bleiben Krisen, Umwege und Unterstützung im Hintergrund oft unsichtbar.

Unsichere Zukunft

Hohe Lebenshaltungskosten, befristete Arbeit, Klimakrise und gesellschaftliche Spannungen können Zukunftspläne erschweren. Sorgen darüber sind nicht irrational, können aber dauerhaft Kraft binden.

Der Anspruch, alles richtig zu machen

Perfektionismus kann kurzfristig Leistung fördern. Wird der eigene Wert jedoch an Fehlerfreiheit geknüpft, entstehen häufig Aufschieben, Überforderung und starke Selbstkritik.

Psychische Belastung entsteht selten durch einen einzigen Faktor. Persönliche Erfahrungen, Beziehungen, körperliche Gesundheit, finanzielle Bedingungen und gesellschaftliche Einflüsse wirken zusammen. Eine sorgfältige Anamnese ist deshalb hilfreicher als pauschale Aussagen über eine Generation.

Digitale Lebenswelt

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Soziale Medien können verbinden, informieren, Kreativität ermöglichen und besonders für Menschen mit seltenen Erfahrungen oder marginalisierten Identitäten Gemeinschaft schaffen. Gleichzeitig können dauernde Erreichbarkeit, soziale Vergleiche, abwertende Kommentare und die Sorge, etwas zu verpassen, belastend sein.

Die Forschung zeigt überwiegend Zusammenhänge, aber nicht für jede Person eine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Eine große systematische Übersichtsarbeit von 2024 fand kleine, statistisch bedeutsame Zusammenhänge zwischen Nutzung sozialer Medien, depressiven Symptomen, Angst und Schlafproblemen. Besonders wichtig sind daher nicht nur die Minuten am Bildschirm, sondern die Art der Nutzung, die erlebten Inhalte, der Zeitpunkt und die Frage, ob Schlaf, Beziehungen oder Pflichten darunter leiden.

Was die US-Studien von Jean Twenge zeigen: In einer Auswertung einer national repräsentativen Befragung in den USA mit 611.880 Personen stieg der Anteil mit einer depressiven Episode zwischen 2005 und 2017 bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren um 52 Prozent und zwischen 2009 und 2017 bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren um 63 Prozent. Eine weitere Untersuchung berichtete für Jugendliche in den USA zwischen 2010 und 2015 deutliche Zunahmen depressiver Symptome und suizidbezogener Merkmale. Twenge und ihr Team diskutieren digitale Kommunikation, soziale Medien und kürzere Schlafdauer als mögliche Mitfaktoren. Die Daten belegen jedoch keine einfache Alleinursache und lassen sich nicht unverändert auf Deutschland oder auf einzelne Personen übertragen.

Digitale Belastungen sind mehr als Bildschirmzeit

Die JIM Studie 2025 zeigt, wie selbstverständlich digitale Medien zum Alltag Jugendlicher gehören. 68 Prozent berichten, dass sie häufig länger am Handy bleiben als geplant. Rund 30 Prozent fühlen sich morgens oft müde, weil sie das Smartphone nachts zu spät weglegen. Gleichzeitig nutzen 74 Prozent künstliche Intelligenz für Hausaufgaben oder zum Lernen. Diese Zahlen beschreiben keine Krankheit, zeigen aber, wie früh Selbststeuerung, Schlaf und Konzentration durch digitale Angebote gefordert werden.

KI Chatbots als Gegenüber

Chatbots können beim Lernen helfen und in belastenden Momenten niedrigschwellig ansprechbar wirken. Problematisch kann es werden, wenn ein System menschliche Beziehungen ersetzt, Abhängigkeit fördert oder scheinbar sichere Antworten auf psychische Krisen gibt. Erste Studien zeigen ein gemischtes Bild. Besonders Menschen, die einen Chatbot als Freund erleben oder zu starker emotionaler Bindung neigen, können ungünstige psychosoziale Folgen berichten. Ursache und Wirkung sind noch nicht abschließend geklärt.

Mobile Games und Lootboxen

Viele Spiele arbeiten mit schnellen Belohnungen, täglichen Aufgaben, künstlicher Verknappung und zufallsbasierten Käufen. Lootboxen ähneln in wichtigen Merkmalen dem Glücksspiel, weil Geld für die Chance auf eine unbekannte Belohnung eingesetzt wird. Solche Mechanismen können riskantes Spielverhalten fördern und sind für bereits gefährdete Jugendliche besonders problematisch. Eine einzelne Nutzung bedeutet jedoch noch keine Abhängigkeit.

Klassenchats und Cybermobbing

Konflikte enden heute nicht unbedingt mit dem Schultag. Abwertungen, Ausschluss, peinliche Bilder oder Gruppendruck können im Klassenchat jederzeit weitergehen und ein großes Publikum erreichen. Für Betroffene fehlen dadurch oft sichere Erholungsräume. Cybermobbing sollte nicht als bloßer Streit verharmlost werden.

Cybergrooming und frühe Grenzverletzungen

Beim Cybergrooming bauen Erwachsene online gezielt Vertrauen zu Minderjährigen auf, um sexuelle Kontakte, Bilder oder Treffen anzubahnen. Kinder und Jugendliche tragen dafür keine Verantwortung. Schutz entsteht durch altersgerechte Aufklärung, klare Ansprechpersonen und eine Reaktion, die nicht beschämt oder mit pauschalem Handyverbot droht.

Warum diese Angebote so schwer zu begrenzen sind

Plattformen und Spiele sind nicht neutral gestaltet. Sogenannte Dark Patterns lenken Entscheidungen durch vorausgewählte Optionen, künstlichen Zeitdruck, schwer auffindbare Einstellungen oder wiederholte Aufforderungen. Eine Untersuchung im Auftrag der Europäischen Kommission fand solche manipulativen Gestaltungsmuster bei 97 Prozent der 75 untersuchten populären Webseiten und Apps. Jugendliche müssen ihre Selbststeuerung daher in Umgebungen entwickeln, die gezielt um Aufmerksamkeit, Daten und Geld konkurrieren.

Das jugendliche Gehirn ist besonders lernfähig: Belohnungen, soziale Anerkennung und Zugehörigkeit haben in dieser Entwicklungsphase großes Gewicht. Das bedeutet nicht, dass digitale Medien das Gehirn pauschal schädigen. Dauerreize, Schlafmangel, Angst, sozialer Druck und fehlende Erholung können jedoch Konzentration, Stimmung und Selbstregulation beeinträchtigen.

Spätere Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit

Die zugespitzte Formulierung „25 ist das neue 18“ beschreibt die Beobachtung, dass manche Schritte in die Selbstständigkeit heute später erfolgen. Große Zeitreihen aus den USA zeigen, dass Jugendliche bestimmte Aktivitäten wie allein ausgehen, bezahlte Arbeit oder Autofahren im Durchschnitt seltener beziehungsweise später ausübten als frühere Jahrgänge. Daraus folgt nicht, dass eine ganze Generation unreif ist. Die Daten stammen zudem aus den USA und lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen.

Wichtig ist die Selbstwirksamkeit, also die Erfahrung: Ich kann etwas versuchen, Schwierigkeiten aushalten, Fehler korrigieren und Einfluss auf mein Leben nehmen. Werden Herausforderungen aus Angst dauerhaft vermieden oder von Erwachsenen vollständig übernommen, fehlen solche Lernerfahrungen. Kleine, altersangemessene Verantwortungsräume, reale Begegnungen und erreichbare Aufgaben können Zutrauen stärken.

Hilfreicher als pauschaler Verzicht

  • Benachrichtigungen bewusst begrenzen und bildschirmfreie Zeiten schaffen.
  • Konten entfolgen, nach deren Nutzung man sich regelmäßig schlechter fühlt.
  • Aktive Kontakte und reale Begegnungen nicht durch passives Scrollen ersetzen.
  • Das Smartphone nachts außerhalb der direkten Reichweite ablegen.
  • Veränderungen ausprobieren und die eigene Wirkung beobachten, statt perfekte Regeln zu verlangen.

Weiterführende Literatur und Perspektiven

Belastung einordnen

Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?

Belastende Tage, Zweifel und Erschöpfung gehören zum Leben. Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn Beschwerden über Wochen anhalten, sich verstärken oder Studium, Ausbildung, Arbeit, Beziehungen oder Selbstfürsorge deutlich beeinträchtigen.

Mögliche Warnzeichen

  • anhaltende Niedergeschlagenheit oder starke Ängste
  • deutlicher Rückzug und Einsamkeit
  • Schlafprobleme, Erschöpfung oder Konzentrationsverlust
  • häufige Panik, Grübeln oder innere Unruhe
  • zunehmender Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenkonsum
  • Essprobleme oder starke Beschäftigung mit Gewicht und Körper

Früh klären statt lange aushalten

Ein Gespräch mit einer hausärztlichen, psychiatrischen oder psychotherapeutischen Fachperson kann helfen, körperliche und psychische Faktoren einzuordnen. Eine Diagnose lässt sich nicht anhand einzelner Symptome oder eines Online-Artikels stellen.

Passender Lesetipp: Panikattacken verstehen: Was im Körper passiert und was helfen kann.

Bei akuter Gefahr: Bei Suizidgedanken mit unmittelbarer Gefahr oder wenn Sie sich nicht sicher schützen können, wählen Sie 112 oder suchen Sie die nächste psychiatrische Notaufnahme auf. Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht kostenfrei unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123 erreichbar.

Praktische Orientierung

Was kann im Alltag unterstützen?

Den nächsten Schritt verkleinern

Bei Überforderung hilft oft nicht der perfekte Gesamtplan, sondern eine konkrete nächste Handlung: eine E-Mail, ein Termin, eine Mahlzeit oder zehn Minuten an einer Aufgabe.

Grundrhythmus stabilisieren

Regelmäßiger Schlaf, Mahlzeiten, Tageslicht und Bewegung lösen keine komplexen Probleme, können aber eine belastbare Grundlage schaffen.

Vergleiche prüfen

Die Frage „Was ist mir wichtig?“ ist oft hilfreicher als „Wo müsste ich in meinem Alter längst sein?“. Lebenswege verlaufen selten geradlinig.

Unterstützung konkret ansprechen

Statt nur zu sagen „Mir geht es nicht gut“ kann eine Bitte helfen: gemeinsam telefonieren, einen Termin suchen, spazieren gehen oder eine Aufgabe strukturieren.

Selbsthilfe hat Grenzen. Wenn Belastung anhält oder der Alltag zunehmend entgleitet, ist professionelle Unterstützung kein Scheitern, sondern eine angemessene Reaktion.

Therapeutische Begleitung

Wie kann Psychotherapie junge Erwachsene unterstützen?

Am Anfang steht eine ausführliche Anamnese. Dabei werden aktuelle Beschwerden, Lebenssituation, körperliche Gesundheit, frühere Belastungen, Beziehungen, Ressourcen und bisherige Bewältigungsversuche betrachtet. Daraus entsteht eine individuelle Einordnung.

Psychotherapie kann helfen, automatische Selbstabwertungen, überhöhte Ansprüche und Vermeidungsverhalten zu erkennen. Gemeinsam können realistische Ziele, ein hilfreicher Umgang mit Unsicherheit und konkrete Strategien für Studium, Arbeit und Beziehungen entwickelt werden. Je nach Beschwerden können auch Angst, depressive Symptome, Schlafprobleme, Traumafolgen oder problematische Medien- und Substanznutzung gezielt behandelt werden.

Ein bestimmter Behandlungserfolg lässt sich nicht garantieren. Welche Methode passt, kann erst nach persönlicher Klärung beurteilt werden. Bei körperlichen Beschwerden oder möglicher medikamentöser Behandlung ist eine ärztliche Mitbehandlung wichtig.

Fragen und Antworten

Häufige Fragen

Ist die Gen Z psychisch weniger belastbar?

Eine solche pauschale Bewertung ist fachlich nicht sinnvoll. Belastungen, gesellschaftliche Bedingungen, Sprache für psychische Gesundheit und die Bereitschaft, Hilfe zu suchen, verändern sich. Entscheidend ist die Situation der einzelnen Person.

Machen soziale Medien psychisch krank?

Sie können Belastungen verstärken, sind aber selten die einzige Ursache. Nutzungsmuster, Inhalte, persönliche Voraussetzungen und das soziale Umfeld spielen zusammen.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Wenn Beschwerden über Wochen anhalten, stärker werden oder Alltag, Beziehungen, Schlaf und Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.

Kann Psychotherapie auch bei Orientierungslosigkeit helfen?

Ja. Eine Therapie setzt nicht zwingend eine fertige Diagnose voraus. In einer psychotherapeutischen Sprechstunde kann geklärt werden, welche Belastung vorliegt und welche Unterstützung passen könnte.

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